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Anverwandtschaften-1

AUSDRUCK. Kunstwerk und Mensch berühren einander nicht und nicht mehr. Es gibt Kommerz, Kritik und Konversation; Ende. Von Kunst zu sprechen ist nur noch als Abwehr möglich. Man spricht von einem oder über ein Kunstwerk, um sich seiner Leere, im besten Fall seiner ausdrucksvernichtenden Aggressivität zu erwehren. Die Kunst spricht nicht mehr zu uns, im Schweigen aber ist die Natur unübertrefflich. Das Beobachten der Natur und der menschliche Umgang mit der Natur, ein aussagekräftiges Thema zu formulieren wäre eigentlich an der Zeit. Ein Stück weg von den Anverwandtschaften, eine Geschichte als Werkzeug, ein Hologramm als Mittel auf der Suche nach dem Verstehen, nach der Möglichkeit verstanden zu werden.
Ralph Ueltzhöffer, "die Geschichte von der hungernden Biene", sie erzählt die vergebliche Suche der Bienen nach Nektar an Sonnenblumen die sich selbst bestäuben. Ein Irrgarten an Täuschungen und Missverständnissen bringt die Bienen an den Rand der Erschöpfung, nimmt ihnen das Leben. In wie weit lässt sich die Geschichte übertragen (Translocation)? Wo öffnen sich die Räume, die Gedanken, die Empfindungen etwas verstanden zu haben mehr, als bei wahren Geschichten? Ein Hologramm aus Sonnenblumen, Licht als entmaterialisierte Form Räume zu bespielen und sie grossräumig zu verändern, auf Zeit oder für immer. "Die Geschichte von der hungernden Biene"
Ralph Ueltzhöffer, Monika Sprüth Galerie, München 2004, Ralph Ueltzhöffer, Cabinet Gallery London 2005

 
CABINET GALLERY LONDON-RALPH UELTZHOEFFER
 
 

Das Große an der Kunst des 20. Jahrhunderts ist das aufwendige Verbergen des Nichts, eine mit fortwährend spektakuläreren wie antispektakuläreren Mitteln abgeschirmte eisige Mitte an Ausdruckslosigkeit. Klarer Ausdruck oder auch nur eine Fraglosigkeit käme einem Eingeständnis gleich, wovon auch immer. Es ist nun also zutiefster Wunsch der Kunst, unverstanden zu bleiben. Ralph Ueltzhöffer zeigt mit seinen Sonnenblumen-Hologrammen worauf es der Kunst eigentlich ankommen sollte, nämlich verstanden zu werden. Die Kunst ist der Literatur zum Feind geworden, die weiterhin spricht. Ausdruckswille ist Kultur. Jenseits der Sprache beginnt die Gewalt. BEWEGUNG. Weder in der Literatur noch in der Kunst gibt es heute eine Bewegung oder Gruppierung. Versuche, Autoren zu einer Neuen Literatur zu versammeln, scheitern in den letzten Jahrzehnten rundweg; Vergruppungen bildender Künstler gleichen eher dem, was im Marketing "Dachmarke" heißt, als einer Gemeinschaft.

Das Individuum ist wieder da; und verweht. Der mächtige Held der westlichen Welt, In-Di-viduum, das unteilbare Ich, gibt auf. Es ist Zeit fürs Viele statt den Einen. Eine Entgleichung, also: Verwirrung kündigt sich an. Die famose Freudsche Erfindung des Ich wird abgelöst werden von einem alles durchdringenden Lebensgefühl, das sich selbst als Teil der Welt erfährt und nicht die Welt als Tapete am äußeren Rand einer exklusiv gestellten Höchstpersönlichkeit. CLEAN. Leonardo da Vinci sehnte sich danach, "reine Gedankenkunst" zu produzieren, unbelastet von den Einschränkungen mechanischer Verfahren. Zu Anfang unseres Jahrhunderts beschrieb Einstein sein fruchtbarstes Werk als "reines Gedankenexperiment". Mit den neuen quasi Renaissance-Technologien der neunziger Jahre können wir endlich leuchtende Artefakte unserer wildesten Vorstellungen entwerfen. Unbeschwert von Farbe oder Ton, Windkanälen oder Papier, können wir das Unsichtbare sichtbar machen und ausdrücken. Auf die vollkommene Reinheit des Virtuellen hat die Kunst noch keine Antwort gefunden, nur anachronistische Argumente: das Krakelige, Ungerade, Dissonante, Fettige, Rostende, inszeniert Nichtartifizielle. Das Schreiben am Computer enthält eine gefährliche Verlockung. Der Text am Bildschirm befindet sich vom ersten Augenblick an im Zustand der Reinschrift. Es gibt kein verbesserndes Verschmutzen des Blatts mehr, nur den fortwährenden Anschein, der Text sei vollendet. Wie spaltbares Material hinter der Sicherheitsscheibe liegt der elektronische Text im Kathodenvakuum der Bildröhre, dem gläsernen Blatt.

Peter Merz, Auszug aus Enzyklopädie der Anverwandtschaften 2005.

"1 Ausstellung: Monika Sprüth Galerie, München 2004, Ralph Ueltzhöffer - Lichtkunst, Hologramm, Translocation.

"2 Ausstellung: Cabinet Gallery London 2005, Ralph Ueltzhoeffer - Lichtkunst, Hologramm, Translocation.

 

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